Wachstum und Selbstbedienung
Kein Jubiläum im klassischen Sinn, sondern als Experiment leiten ReemAlmannai und Georg Cadeggianini den Abend ein. Am 21. November versammeln sich 150 Mitglieder und Freunde der Kooperative Großstadt eG im Münchner MUCCA, um mit VertreterInnen aus verschiedenen Disziplinen den Wohnungsbau heute kritisch und kühn zu diskutieren. Der Fokus soll dabei auf die Bodenfrage und Klimakrise gelenkt werden.
Das alles zehn Jahre nach dem „Open Table“, dem Symposium zur Gründung der Genossenschaft. Was damals nach spekulativer Trockenübung klang, ist alltägliche Arbeit der KOOGRO. Und nun? Wohnungsfrage und Klimakrise spitzen sich zu. Was soll hier noch wachsen und wieso?
Eigentum und Verfassung
In der ersten Runde spricht der Philosoph Niklas Angebauer. Eigentum funktioniere heute häufig als Privileg, insbesondere beim Boden. Dieser gehört, erinnert Angebauer mit Jean- Jacques Rousseau, niemandem. Und doch entstehen mit ihm Wertsteigerungen ohne jede eigene Leistung, einfach weil Nachfrage steigt und Boden nicht vermehrbar ist. Anders als beim Joghurt. Die Bodenwertsteuer, die Angebauer als Konsequenz ins Spiel bringt, ist eine einfache Idee: Leistungslose Gewinne werden der Allgemeinheit zugänglich gemacht, so wie es die bayerische Verfassung in Art. 161 vorsieht. Angebauer schlägt vor, nicht mehr von Abschöpfung zu sprechen. Schließlich werden die Wertsteigerungen durch gesellschaftliche Leistungen erzeugt und stehen somit von vornherein der Gesellschaft zu.
Mit Karin Lohr von Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V. wird klar: Diese Diskussion ist keine akademische Fingerübung. Sie zeigt auf, was die Bodenfrage für viele Menschen in München ganz konkret bedeutet: Unsicherheit, Verdrängung, Wohnungslosigkeit. Genossenschaften können helfen, wenn sie bereit sind, Wohnraum für alle zur Verfügung zu stellen. Simone Burger vom DGB München verweist auf die SoBoN, Münchens Instrument zur Abschöpfung von Bodengewinnen. Ein Fortschritt, allerdings mit eingebauter Begrenzung. Denn die SoBoN greift nur, wo neues Baurecht entsteht. Was fehlt, darin sind sich alle einig, ist ein ähnliches Instrument für die gesamte Stadt. Eine alte Forderung, das Lebensthema von Hans-Jochen Vogel.
Wachstum und das Ende von Wachstum
In der zweiten Runde rückt Ulrike Herrmann das Thema Wachstum selbst ins Zentrum und macht kurzerhand Schluss damit. Klimaschutz, so ihre Diagnose, ist mit weiterem Wachstum schlicht nicht vereinbar. Auch nicht im Wohnungsbau.
Neubau als Allheilmittel? Für Herrmann ein Irrweg. Wer die Klimaziele ernst nehmen möchte, muss über Umverteilung von Wohnraum und über Suffizienz sprechen. Villenbesitzer müssen dann eine WG gründen. Was heute absurd klingt, so Herrmann, ist in anderen Bereichen längst Realität. Wasser wird rationiert, Energie auch. Warum sollte Wohnen davon ausgenommen bleiben?
Elisabeth Merk widerspricht nicht grundsätzlich, verweist aber auf ihre Verantwortung als Stadtbaurätin, für die MünchnerInnen Wohnraum zu schaffen. Solange es keine anderen Instrumente gibt, bleibt Neubaunotwendig. Matthias Weinzierl von der Kampagne Mietenstopp hält dagegen: Neubau ohne soziale Regulierung verschärft die Krise. Wer heute in München keine Wohnung hat, hat vor allem eines, schlechte Karten.
Zukunft und Jugend
Während in der Halle debattiert wird, sitzen Kinder und Jugendliche der Genossenschaft mit Luc Ouali, Klimaaktivist und Demokratieverteidiger, zusammen. Sie entwerfen ihre eigene Vision vom Wohnen der Zukunft und präsentieren sie in Runde drei. Ihre Forderungen sind klar: mehr Teilen, weniger Besitzen, Mieten nach Leistungsfähigkeit, gemeinschaftlich Nutzen statt individueller Ansprüche. Keine Ideologie, sondern praktische Ideen von jenen, die noch lange mit den Folgen der aktuellenEntscheidungen werden leben müssen.
Und wie geht es weiter in den nächsten zehn Jahren? Können wir wachsen, ohne größer zu bauen? Können wir weniger verbrauchen und trotzdem mehrermöglichen? Und wie vermeiden wir, dass auch genossenschaftliches Wohnen zur Selbstbedienung wird?
Unabhängig davon wurde das bisher Erreichte aber auch gefeiert. Dafür haben Sophia Branz und Mitglieder der Genossenschaft zwei Tage lang ein 4-Gänge-Menü vorbereitet: Butter-Brot mit rosa Blumenkohl, rote Beete im Sud, Sellerie-Schnitz in Öl und Feuerkartoffeln mit Lauch.
Während die eine Hälfte der TeilnehmerInnen sich einen Platz und eine/n NachbarIn an der rasch umgebauten Tafel sucht, bedient die andere Hälfte, alles nach Anleitung:
Teller vorbereiten, Wein servieren, auftragen, abtragen. Runde um Runde. An der Wand: graphic recordings der Illustratorin Miro Poferl Thesen, die Thesen und Anstöße aus den Diskussionsrunden mit in den Abend tragen. Danach wird getauscht: Die Service-Abteilung setzt sich zu Tisch und wer gegessen hat, serviert nun. Und den ganzen Abend über verwandelt sich der Raum: Von Diskussion über Festtafel bis zur Tanzfläche.
Entwicklung und Konzept: Reem Almannai, Sophia Branz, Markus Sowa, GeorgCadeggianini, Claudia Knepper, Luc Ouali
Moderation: Reem Almannai, Georg Cadeggianini
geladene DiskussionsteilnehmerInnen: Ulrike Hermann, Niklas Angebauer, Simone Burger, Karin Lohr, Matthias Weinzierl, Elisabeth Merk
Kinderbetreuung: siaf e.V.
Visuals: Miro Poferl
Fotografie: Florian Koppelhuber
Technik: Joel Strickmann, Ben Jaksch
an den Töpfen: Sophia Branz, Christel Löcher, Yvonne Feneberg, Stephan Hachinger, Gabi Grimm, Hartwig Tesar, Tatjana Dechant, Paul Günther, Niklas Bieber, Tina Hohmann, Mascha Steyer
DJ: Anton Burdein, Aflatoon Acid
Hintergrundfoto: ©Florian Koppelhuber

















































