Open Table


9. Januar 2016, 10:30–17 Uhr
Lothringer13 Halle

Vielen Dank an alle, die dabei waren!

Bei diesem offenen Symposium präsentierten Akteure aus Architektur, Kunst, Politik und Presse in Kurzvorträgen ihre Thesen für einen besseren Wohnungs- und Städtebau in München und anderswo. Mit konkreten und konstruktiven Beiträgen und daran anschließenden Diskussionsrunden wurde eruiert, in welchen Städten und Häusern wir zukünftig leben wollen und wie diese Ideen für ein gemeinschaftliches, urbanes Leben realisiert werden können.

Und für alle, die nicht dabei waren, hier ein Rückblick:

An einem verregneten Samstag Anfang Januar…
Am Eingang der Lothringer13 Halle in München liegen Bioäpfel auf dem Tresen, daneben schön designte Infoblätter und Mitgliedsanträge der neu gegründeten Münchner Wohnungsbaugenossenschaft KOOPERATIVE GROSSSTADT. In der Halle diskutieren Vertreter aus Architektur, Kunst, Politik, Wissenschaft und Presse über die Zukunft der Stadt und das Wohnen der Gegenwart. Über den Bau guter Wohnbauten, in denen viel mehr möglich ist, als man es sich heute in München vorstellen mag. Und hunderte Münchner sind dem Aufruf der Genossenschaft gefolgt, mitzudiskutieren, zuzuhören.

Und dann zeigt irgendwann im Lauf der Diskussion Markus Sowa, einer der Vorstände der Genossenschaft, ein mit Heavy-Metal Musik unterlegtes Video, in dem Halbstarke mit ihren getunten Karren über die A99 bei Freiham donnern und sich gegenseitig filmen. Freiham, der neue Sehnsuchtsort der Münchner Stadtplanung. Von der Stadtbaurätin Dr. Merk mit höchsten Ambitionen versehen, heute aber (noch) ein Ort, der leider ganz anders konnotiert ist als mit urbanem Leben, wie auch das Video zeigt. Aber vielleicht ist das genau die Chance, abseits von Bioäpfeln das ungeschminkte Leben einzufangen, ein Wohnen nicht für eine homogene urbane Mittelschicht zu konzipieren, sondern eines, das Widersprüche zulässt – Stadt eben.
Öffnung nach „unten“ (gefährliches Vokabular für eine fast homogen akademische Diskussion, wie sie auf dem Open Table stattfindet) fordert der Wiener Wohnbauforscher Daniel Glaser von den Genossenschaften – also keine soziale Klebrigkeit. Eine Architektur, die sich dem Alltag stellt und nicht nur verzerrten Projektionen (von Luxus) oder einer Pragmatik des Bequemen (also Convenience) folgt, fordert der Filmemacher Christoph Hochhäusler und zückt sein Notizbuch, aus dem er dann eine kulinarische Metapher vorträgt, die dem Publikum (und den Moderatoren) vor Lachen die Tränen in die Augen treibt – als würden gerade alle Zwiebel schälen. Schon wieder beim Essen: Georg Cadeggianini fragt nach, ob für jeden Bioladen, den es in einem Genossenschaftshaus gibt, nicht auch ein Mc Donalds untergebracht werden müsse. Die Runde einigt sich auf einen Döner-Laden. Also doch Zwiebel schälen!

„Es gibt keine schlechten Orte, sondern nur schlechte Projekte“, meint Andreas Hofer. Der Start des Kraftwerks-Projektes, das er vor zwanzig Jahren mitinitiierte, sei übrigens „ähnlicher als ähnlich“ gewesen zu dem, was sich heute in der Lothringer13 abspiele. Außerdem hätten sie bei „Mehr als Wohnen“ am Rande von Zürich gerade bewiesen, dass es geht, einen städtischen Platz auf der grünen Wiese zu bauen – siehe also (Euphorie) Freiham. Viel Ermutigung für die KOOPERATIVE. Nur: „Wer hat’s erfunden?“

Christian Inderbitzin von EMI Architekten aus Zürich verteidigt gegen Widerstände die Autonomie der Architektur – etwa in der Frage der Wohnungsgrundrisse. Er plädiert dafür, nicht kurzfristig eine Wohnung maßzuschneidern für einen spezifischen Nutzer, sondern daran zu denken, dass eigentlich keiner weiß, wer in ein paar Jahren oder Jahrzehnten in einer Wohnung wohnt. Nachhaltiger sei es also, allgemein gültige Grundrisse zu finden, in ihrer Architektur sollten sie jedoch spezifisch sein. Bei Roland Züger und Ute Fragner rühren sich zunächst Vorbehalte gegen den Begriff der Autonomie der Architektur. Während Züger der Autonomie zumindest ein kleines „a“ zugesteht – denn das Expertentum der Bewohner und Hausmeister möchte er nicht vermissen – einigen sich Inderbitzin und Fragner auf die Formel, dass zwar nicht einzelne Wünsche in einem Projekt ihren Niederschlag finden können, die Bedürfnisse der Bewohner aber sehr wohl von der Architektur in Form gegossen werden müssen. Das hindert Matthias Lilienthal nicht daran, Inderbitzin als einen aus der Zeit gefallenen Architekten des 18. Jahrhundert zu beschimpfen. (Später beim Bier sagt Inderbitzin: „Ich mag das 18. Jahrhundert.“)

Zum Schluss des Open Tables dreht Jürgen Patzak Poor von BAR Architekten aus Berlin dann den Spieß des Fragens nochmals um und wendet sich direkt an die KOOPERATIVE GROSSSTADT: „Und was macht Ihr jetzt konkret als nächstes? Was habt ihr genau vor, wie geht’s weiter?“

Gute Frage.

Die Antwort ist so einfach wie ambitioniert: Grundstücke finden, das genaue Programm der gewünschten Neubauten entwickeln, ganz viele Mitgenossen finden und überzeugen, dann ausschließlich offene Wohnungsbauwettbewerbe ausloben, um das beste architektonische Projekt für die jeweilige Aufgabe zu finden (so einfach war es wahrscheinlich noch nie, eine kleine architektonische Revolution hierzulande loszutreten), das Ding dann bauen, beziehen und dann hoffentlich feststellen: München kann guten Wohnungsbau!

Markus Sowa spielte nach dem Heavy Metal-Raser-Video ja auch gleich noch die inoffizielle Hymne der Genossenschaft, einen Song der Band „Trümmer“:

Die Stadt zerfällt
In ihre Einzelteile
Die Stadt zerfällt
Lethargie, Langeweile
Und du, du, du, du sagst kein Wort
Du träumst nur von einem anderen Ort
….
Und ich, ich hab es satt
Nichts passiert in dieser Stadt
Ich bin rastlos und spür
Dass ich nicht dazugehör’
….
[Finale:]
Ist das alles?
Wo ist die Euphorie?
Alles oder nichts
Jetzt oder nie

[Finale] [3x]
Jetzt oder nie

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PROGRAMM und ZEITPLAN

10:30
Begrüßung

10:45–12:00 – RUNDE I
Andreas Hofer, Genossenschaft Kraftwerk, Zürich
Daniel Glaser, Wohnbauforschung der Stadt Wien
Christoph Hochhäusler, Regisseur, Berlin
Anne-Julchen Bernhardt, BeL Architekten, Köln
Thomas Mühlender, Oberste Baubehörde, Städtebauförderung

Moderation
Joana Ortmann, Bayern 2 Kulturwelt
Wolfgang Rossbauer, KOOPERATIVE GROSSSTADT

12:15–13:30 – RUNDE II
Roland Züger, Redakteur werk, bauen+wohnen, Zürich
Verena Schmidt, Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus, Berlin
Benjamin David, die urbanauten, München
Christian Hadaller, KOOPERATIVE GROSSSTADT, München
Anna Hanusch, Stadträtin, Bündnis 90/Die Grünen, München
Laura Weißmüller, Journalistin, Süddeutsche Zeitung

Moderation
Georg Cadeggianini, freier Journalist DIE ZEIT/WDR5
Florian Fischer, KOOPERATIVE GROSSSTADT

13:30-14:00 – MITTAGSPAUSE

14:00-15:15 – RUNDE III
Jörg Koopmann, Fotograf, Kurator Lothringer13 Halle, München
Christian Müller Inderbitzin, EMI Architekten, Zürich
Nils Buschmann, ROBERTNEUN Architekten, Berlin
Markus Sowa, KOOPERATIVE GROSSSTADT, München
Marion Wolfertshofer, Leitende Baudirektorin, Stadtplanung LH München

Moderation
Joana Ortmann, Bayern 2 Kulturwelt
Wolfgang Rossbauer, KOOPERATIVE GROSSSTADT

15:30-16:45 – RUNDE IV
Hilde Strobl, Kuratorin, Architekturmuseum TU München
Dominik Bückers, Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich
Jürgen Patzak-Poor, BARarchitekten, Berlin
Matthias Lilienthal, Intendant, Münchner Kammerspiele
Ute Fragner, Genossenschaft Sargfabrik, Wien
Ursula Müller, Bereichsleiterin Projektentwicklung, Amt für 
Hochbauten, Stadt Zürich

Moderation
Georg Cadeggianini, freier Journalist DIE ZEIT/WDR5
Florian Fischer, KOOPERATIVE GROSSSTADT

17:00
Resumé des Tages + Prämierung der Gewinner des »Call for Plots«

17:30
Ausklang mit Musik und Getränken

Musik
Theo Thönnessen, DJ, München

Foto: Jörg Koopmann