10 Jahre KooGro

Wachstum und Selbstbedienung 

Kein Jubiläum im klassischen Sinn, sondern ein Experiment, so leiten Reem Alamannai und Georg Cadeggianini den Abend ein.

Am 21.11.25 versammeln sich 150 Mitglieder und Freunde der Kooperative Großstadt eG im Münchner MUCCA, um mit VertreterInnen aus verschiedenen Disziplinen kritische Analysen und kühne Thesen zum Wohnungsbau zu diskutieren, aus der Perspektive von Bodenfrage und Klimakrise.

Das alles 10 Jahre nach dem „Open Table“, dem Symposium zur Gründung der Genossenschaft unter dem Motto: Thesen für einen besseren Wohnungs- und Stadtbau in München. Was damals noch nach spekulativer Trockenübung klang, ist heute Gegenstand der täglichen Arbeit in der KOOGRO. Und heute? Die Wohnungsfrage und die Klimakrise spitzen sich zu. Was soll hier noch wachsen und wieso?

Eigentum und Verfassung

In der ersten Runde spricht der Philosoph Niklas Angebauer über Eigentum und Gerechtigkeit. Eigentum funktioniere heute häufig als Privileg, insbesondere beim Boden. Dieser gehört, erinnert Angebauer mit Jean-Jacques Rousseau, niemandem. Und doch entstehen mit ihm Wertsteigerungen ohne jede eigene Leistung, einfach weil Nachfrage steigt und Boden nicht vermehrbar ist. Anders als beim Joghurt. Die Bodenwertsteuer, die Angebauer als Konsequenz ins Spiel bringt, ist eine einfache Idee: Leistungslose Gewinne werden der Allgemeinheit zugänglich gemacht, so wie es die bayerische Verfassung in Art. 161 vorsieht. Er nennt es auch nicht Abschöpfung, da die generierten Wertsteigerungen durch gesellschaftliche Leistungen erzeugt werden und somit von vornherein der Gesellschaft zustehen.

Mit Karin Lohr von BISS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V.) wird klar: Diese Diskussion ist keine akademische Fingerübung. Sie erinnert daran, was die Bodenfrage für viele Menschen in München ganz konkret bedeutet: Unsicherheit, Verdrängung, Wohnungslosigkeit. Genossenschaften können helfen, wenn sie bereit sind, Wohnraum für ALLE zur Verfügung zu stellen. Simone Burger vom DGB München verwies auf die SoBoN, Münchens Instrument zur Abschöpfung von Bodengewinnen. Ein Fortschritt, aber einer mit eingebauter Begrenzung. Denn sie greift nur dort, wo neues Baurecht entsteht. Was fehlt, darin sind sich alle einig, ist ein ähnliches Instrument für die gesamte Stadt. Eine alte Forderung, Hans-Jochen Vogel lässt grüßen.

Wachstum und das Ende des Wachstums

In der zweiten Runde rückt Ulrike Herrmann das Thema Wachstum selbst ins Zentrum und macht kurzerhand Schluss damit. Klimaschutz, so ihre Diagnose, ist mit weiterem Wachstum schlicht nicht vereinbar. Auch nicht im Wohnungsbau.

Neubau als Allheilmittel? Für Herrmann ein Irrweg. Wer die Klimaziele ernst nehmen möchte, muss über Umverteilung von Wohnraum und über Suffizienz sprechen. Die Villenbesitzer müssen dann eine WG gründen. Was heute absurd klingt, so Herrmann, ist in anderen Bereichen längst Realität. Wasser wird rationiert, Energie auch. Warum sollte Wohnen davon ausgenommen bleiben?

Elisabeth Merk widerspricht nicht grundsätzlich, verweist aber auf ihre Verantwortung als Stadtbaurätin, für die MünchnerInnen Wohnraum zu schaffen. Solange es keine anderen Instrumente gibt, bleibt Neubau notwendig. Matthias Weinzierl von der Kampagne Mietenstopp hält dagegen: Neubau ohne soziale Regulierung verschärft die Krise. Wer heute in München keine Wohnung hat, hat vor allem eines, schlechte Karten.

Zukunft und Jugend

Während in der Halle debattiert wird, sitzen Kinder und Jugendliche der Genossenschaft mit Luc Ouali, Klimaaktivist und Demokratieverteidiger, zusammen. Sie entwerfen ihre eigene Vision vom Wohnen der Zukunft und präsentieren sie in Runde drei. Ihre Forderungen sind ganz klar: mehr Teilen, weniger Besitzen, gemeinschaftlich Nutzen statt individueller Ansprüche, Mieten nach Leistungsfähigkeit. Keine Ideologie, sondern praktische Ideen von jenen, die noch lange mit den Folgen der aktuellen Entscheidungen werden leben müssen.

Und wie geht es weiter in den nächsten 10 Jahren? Können wir wachsen, ohne größer zu bauen? Können wir weniger verbrauchen und trotzdem mehr ermöglichen?Und wie vermeiden wir, dass auch genossenschaftliches Wohnen zur Selbstbedienung wird?

Unabhängig davon wurde das bisher Erreichte aber auch noch gefeiert. Dafür haben Sophia Branz und Mitglieder der Genossenschaft zwei Tage lang ein 4-Gänge-Menü vorbereitet: Butter-Brot mit rosa Blumenkohl, rote Beete im Sud, Sellerie-Schnitz in Öl und Feuerkartoffel mit Lauch.

Während die eine Hälfte der TeilnehmerInnen sich einen Platz und eine/n NachbarIn an der rasch umgebauten Tafel sucht, bedient die andere Hälfte, alles nach Anleitung:

Teller vorbereiten, Wein servieren, auftragen, abtragen. Runde um Runde. Danach wird getauscht: Die Service-Abteilung setzt sich zu Tisch und wer gegessen hat, serviert nun. Selbst-Bedienung im besten Sinne des Wortes: wir bedienen uns selbst gegenseitig.

Entwicklung und Konzept: Reem Almannai, Sophia Branz, Markus Sowa, Georg Cadeggianini, Claudia Knepper, Luc Ouali

Moderation: Reem Almannai, Georg Cadeggianini

geladene DiskussionteilnehmerInnen: Ulrike Hermann, Niklas Angebauer, Simone Burger, Karin Lohr, Matthias Weinzierl, Elisabeth Merk

Visuals: Miro Poferl

Technik: Joel Strickmann, Ben Jaksch

an den Töpfen: Sophia Branz, Christel, Yvonne Assmann, Stephan Hachinger, Gabi Grimm, Hartwig, Tatjana Dechant, Paul, Niklas, Jan, Tina Hohmann

DJ: Anton Burdein

Fotografie: Florian Koppelhuber

Kinderbetreuung: siaf e.V.

Hintergrundfoto: ©Florian Koppelhuber